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Kunst und Künstlichkeit: das Pferd im Spannungsfeld zwischen Zucht und Ausbildung

Kavallo
Kavallo
03/2021

Damals wie heute bringt die Zucht Ausnahmepferde von ungeheurem Potenzial hervor. Sie tragen eine genetische Disposition in sich, die sie zu Höchstleistungen befähigt – wenn sie dieses Talent denn auch ausspielen können. Ein eindrückliches Beispiel eines solchen Ausnahmepferdes wurde 2015 verletzungsbedingt aus dem Dressursport verabschiedet und verstarb fünf Jahre später im Dezember 2020 – das «Wunderpferd» Totilas.

Wir sehen sie an Auktionen und Jungpferdeprüfungen: hochtalentierte Pferde, die für enorme Summen den Besitzer wechseln. Es werden Preise bezahlt, als ginge es hierbei nicht um vergängliche Lebewesen, sondern um Investitionen in Kunstwerke. So kam 2012 ein Gemälde von Vincent van Gogh aus dem Besitz von Hollywood-Star Elizabeth Taylor für zehn Millionen Pfund (zwölf Millionen Euro) unter den Hammer und kostete damit fast genauso viel wie zwei Jahre zuvor Totilas, das teuerste Dressurpferd aller Zeiten. Im Springsport sieht es ähnlich aus. 2013 wechselte ein Spitzenpferd aus Schweizer Händen in die Niederlande und schliesslich nach Katar: 13,5 Millionen Franken war der Wallach Palloubet d’Halong seinem neuen Besitzer wert. Bald darauf verschwand das teuerste Springpferd von der Bildfläche.

Hoch gehandelt – jung verschwunden

Doch weshalb taucht der Grossteil dieser Jungpferde später nirgends mehr auf? Weshalb ist es so, dass qualitätsvolle Grand-Prix-Pferde bereits im Alter von 15 Jahren meist verletzungsbedingt aus dem Sport verabschiedet werden? Ihre genetische Disposition ist von höchstem Wert – und doch schafft die Zucht bloss kurzlebige Kunstwerke ohne Gewähr?

Entscheidend ist, dass frühzeitiger Verschleiss dann eintritt, wenn bestimmte genetische Elemente in der Ausbildung nicht berücksichtigt werden. Denn nebst der Zuchtgenetik – man könnte auch von Pedigree oder Talent sprechen – tragen alle Pferde auch die Urgenetik des Fluchttiers in sich. Und diese Urgenetik steht in krassem Widerspruch zu den Anforderungen an das moderne Reitpferd.

Urgenetik unterdrückt Zuchtgenetik

Je länger ein Pferd also den Belastungen des Reitpferdes ausgesetzt ist, desto mehr treten die Folgen des instinktgeprägten Bewegungsmusters der Urgenetik in den Vordergrund und die Zuchtgenetik wird unterdrückt. Lernt das Pferd in seiner Ausbildung nicht, mit urgenetischen Elementen wie der Händigkeit, der natürlichen Schiefe oder der Vorderlastigkeit umzugehen, können Talent und Potenzial aufgrund der körperlichen Beschwerden und schliesslich medizinischen Probleme, die aus diesen urgenetischen Elementen resultieren, nicht ausgespielt werden.

Dies erklärt, weshalb die Sternchen der Fohlenauktionen und Jungpferdeprüfungen meist nie mehr in Erscheinung treten: Als ungerittene oder frisch angerittene Youngster sind die Beeinträchtigungen durch die Urgenetik noch gering oder gar nicht vorhanden und das Talent zeigt sich in seiner ganzen Grösse. Je weiter die Ausbildung fortschreitet, desto mehr wird versucht, mit Druck und einer immer grösseren therapeutischen Entourage die vermeintlichen Schwächen zu überdecken. Die Urgenetik wird in exaltierten Spanntritten mit Füssen getreten. Die Kunstwerke von einst verkommen zu künstlichen Werken falsch verstandener Ausbildung. Und es ist reiner Zynismus unserer schnelllebigen Zeit zu behaupten, dass sich das moderne Ausnahmepferd eben gerade dadurch auszeichnet, dass es diesem ungeheuren Druck standhält.

Vom Wunderkind zum Sorgenkind

Und was geschieht mit all den hochtalentierten Pferden, die dem Druck nicht standhalten und durch die Maschen des Systems fallen? Wenn sie nicht mit 15 Jahren ihren «Lebensabend» auf den Weiden hinter der Reithalle fristen, gelangen sie in den Verkauf. So wird verheissungsvolles Pedigree auch für den gehobenen Freizeitreiter erschwinglich. Die Faszination für das Kunstwerk Pferd lässt über körperliche Mängel hinwegsehen, die vielversprechende Abstammung weckt hohe Erwartungen. Schon nach kurzer Zeit dann die Ernüchterung: Die Defizite der Ausbildung treten unter dem Durchschnittsreiter über kurz oder lang zutage.

Taktunreinheiten, Widersetzlichkeit, Verspannungen, Blockaden und Rittigkeitsprobleme führen den verzweifelten Pferdebesitzer in die Behandlungsspirale. Diese kostet nicht nur viel Geld, sondern nicht selten auch so viel Energie, dass der Traum vom eigenen «Crack» zum Albtraum wird. Nun ist es am Hobby-Reiter, das Versäumte nachzuholen. Das Bedürfnis des anspruchsvollen Freizeitreiters nach Auseinandersetzung nährt den schier unüberschaubaren Markt an Kursen, Büchern, DVDs, Futterergänzungsmitteln und alternativen Heilmethoden. Das Angebot ist riesig, die Nachfrage reisst nicht ab. Viele Pferdebesitzer gehen einen langen und kostspieligen Leidensweg.

Systematische Korrektur heisst die Lösung

Umso ernüchternder ist daher auch der Moment der Erkenntnis, wenn das «austherapierte» Pferd mit dem richtigen Training bereits nach wenigen Wochen frei von Taktunreinheiten und Widersetzlichkeiten zu Schwung und Losgelassenheit findet, ungeahnte Motivation an den Tag legt und feines Reiten ganz natürlich zur Selbstverständlichkeit wird. Die Lösung für die Bewegungsprobleme und Verhaltensauffälligkeiten ist so einfach wie genial: Sie liegt in der systematischen Korrektur der natürlichen Schiefe und der Vorderlastigkeit des Pferdes. Es ist der Umgang mit dieser urgenetischen Komponente, welcher über Erfolg und Misserfolg in der Ausbildung und Rehabilitation tausender Reitpferde entscheidet.

Fallbeispiel: Rehabilitation eines Ausnahmepferdes

Aufgrund falscher Trainingsmethoden bauen Pferde massive Kompensationsmuskulaturen auf. Diese Muskulaturen sind gefährlich, da sie Verschiebungen im Skelett, Veränderungen an Wirbelgelenken, Knochenödeme oder arthrotische Veränderungen begünstigen. Sie dienen einzig der Befriedigung des Menschen, der sich freut, dass das Pferd sich verändert und neue Muskulatur sichtbar wird. Doch diese Muskeln behindern die Bewegung und damit die Entfaltung der genetischen Veranlagung – das Talent bleibt auf der Strecke. Wird jedoch der Urgenetik mit gezielter Gymnastizierung Rechnung getragen, können selbst Schwächen am Skelett oder andere Verschleisserscheinungen rehabilitiert werden.

White Talisman, um nur eines von ihnen zu nennen, ist so ein Pferd. 1995 wurde der mit einem ausgezeichneten Pedigree ausgestattete Schimmelhengst in Dänemark geboren. Der direkte Weltmeyer-Nachkomme überzeugte bereits als Remonte mit grossem Bewegungstalent und enormer Leistungsbereitschaft. So absolvierte er die Körung als 1. Reservesieger und qualifizierte sich als überragender Sieger der dänischen Meisterschaft für die Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde. Der ausdrucksstarke Hengst avancierte zum Publikumsliebling, an den sich die Menschen noch heute lebhaft erinnern.

Sportkarriere mit sechs Jahren ausgebremst

Der Hengst deckte erfolgreich in Dänemark, später in Norwegen. Doch verschiedene Verletzungen bremsten den steilen sportlichen Aufstieg bereits im Alter von sechs Jahren. Trotz Schonzeit, intensiver tierärztlicher Betreuung und Physiotherapie fand White Talisman nicht mehr zu seiner alten Form zurück. Als er von einer norwegischen Para-Dressurreiterin im Hinblick auf die Paralympics 2012 trainiert wurde, zeigte er in der Belastung immer wieder Lahmheiten, die jedoch kein Tierarzt erklären oder beheben konnte. Im Alter von 17 Jahren wurde White Talisman schliesslich an zwei junge Freizeitreiterinnen als Zucht- und Lehrpferd in die Schweiz verkauft.

Seine neuen Besitzerinnen brachten ihn sofort zu uns ins Training – in physisch und psychisch desolatem Zustand. Der einst hochgejubelte Hengst zeigte sich beim Eintreffen überangepasst und introvertiert. Die massiv vernachlässigte Hufpflege war unübersehbar, eine deutliche Taktunreinheit und regelmässige Hustenattacken kamen hinzu. Mit der systematischen Korrektur seiner natürlichen Schiefe und ausgeprägten Vorderlastigkeit konnten die Bewegungsprobleme White Talismans trainingstechnisch behoben werden. Bereits nach wenigen Wochen strahlte der rüstige Senior in neuem Glanz und strotzte vor gesundem Selbstbewusstsein. Der weisse Hengst bereitete seinen Besitzerinnen danach noch unzählige lehrreiche Stunden im Sattel und wird in der Schweiz noch heute in der Zucht eingesetzt. White Talisman macht deutlich: Es ist nie zu spät, seinem Pferd den Umgang mit der Urgenetik zu lehren.

Text: Gabriele Rachen-Schöneich und Klaus Schöneich