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Ausgeklinkt und eingerenkt – weshalb Therapeuten die Verantwortung der Reiter nicht ersetzen

Feine Hilfen
Feine Hilfen
44/2020

Seit vielen Jahrzehnten trainieren wir am Zentrum für Anatomisch Richtiges Reiten (ARR) unter anderem Pferde, die sogenannt «austherapiert» sind. Sie haben lange Leidenswege hinter sich, wurden von Therapeut zu Therapeut und von Klinik zu Klinik gereicht. Doch keine Behandlung konnte die Probleme dieser Pferde dauerhaft lösen. Auch wir können keine Wunder vollbringen. Dennoch sind viele Pferdebesitzer erstaunt, ja schockiert, dass sich die Probleme ihrer Pferde dank unseres Trainingsansatzes, der die Anatomie und Biomechanik des Pferdes berücksichtigt, innerhalb von wenigen Wochen in Luft auflösen und nie wieder zurückkehren können. Der Grund: Unserer Erfahrung nach liegen bei 85 Prozent der Pferde die Probleme in der nicht korrigierten natürlichen Schiefe begründet und können daher mit gezieltem Training nachhaltig behoben werden, sofern die Reiter ihre Verantwortung für pferdegerechtes Reiten als therapeutisches Training anerkennen und wahrnehmen.

Raus aus der Behandlungsspriale

Heute gehört es zum guten Ton, das Pferd regelmäßig von einem Physiotherapeuten, einem Osteopathen oder einem Masseur behandeln zu lassen – Berufe, die es früher gar nicht gab. Dennoch können wir aus unserer langjährigen Erfahrung sagen, dass die Probleme der Pferde nicht kleiner oder weniger geworden sind. Vielmehr scheint es, dass die Reiterinnen und Reiter ihre Sport- und Freizeitpartner lieber einmal mehr den Händen eines Therapeuten überlassen, als die eigenen Fähigkeiten und Trainingsansätze zu hinterfragen. «Der Therapeut wird es schon richten, dafür ist er ja da!», scheint vielfach das Motto zu sein. Diese Einstellung schafft nicht zuletzt Abhängigkeiten und ist für den ambitionierten und aufgeschlossenen Reiter mehr als undankbar. Egal wie sehr man sich reiterlich bemüht und wie vielseitig man die Ausbildung des Pferdes nach bestem Wissen und Gewissen gestaltet, immer wieder müssen Therapeuten das Pferd behandeln. Das kann auf Dauer weder befriedigend noch zielführend sein!

Das Bewegungsverhalten des Pferdes verstehen

Als Reiter und Trainer muss man nicht jeden einzelnen Knochen und Muskel des Pferdes kennen, um das Bewegungsverhalten unserer Pferde nachvollziehen und interpretieren zu können. Was aber alle, die mit Pferden Umgang haben, verstehen müssen, sind die einfachen Grundlagen der Reaktions- und Bewegungsmuster unserer Reitpferde: die Händigkeit und die Vorderlastigkeit als Komponenten der natürlichen Schiefe des Pferdes sowie die Scher- und Zentrifugalkräfte, die infolgedessen auf unsere Pferde einwirken und schwerwiegende Konsequenzen für ihre Gesundheit mit sich bringen. Hat man dies verstanden und verinnerlicht, wird offensichtlich, welch wichtige Rolle der Reiter und der Trainer, die täglich mit dem Pferd arbeiten, für die Gesunderhaltung unserer vierbeinigen Kameraden haben.

Interessanterweise sieht man Bewegungsdefizite wie Händigkeit und Vorderlastigkeit auch bei erfolgreichen Grand-Prix-Pferden. Ihr Talent und eine überdurchschnittliche Arbeitseinstellung kaschieren bei diesen Spitzenathleten oftmals sehr lange unterschwellige Beschwerden bis schließlich auch sie unter der Belastung der nicht korrigierten natürlichen Schiefe Schaden nehmen – sei es körperlich oder psychisch. Oft stellt man deren Verletzungen nicht in direkten Zusammenhang mit unphysiologischem Training: Sie ziehen sich in der Box oder auf der Weide zunächst unscheinbare Verletzungen am Stütz- oder Trageapparat zu, die man durch Pausen auskuriert und mit Behandlungen begleitet. Tatsache ist jedoch, dass die allermeisten dieser kleinen Verletzungen auf einen durch die natürliche Schiefe insgesamt geschwächten Stütz- und Trageapparat hindeuten. Werden daher nur die Verletzungen therapiert, ohne die Ursache – das überlastende Training in unphysiologischen Bewegungsmustern – zu ändern, werden diese Verletzungen wiederkehren und sich weiter verschlimmern.

Von einigen Therapeuten wird argumentiert, die Ursache für die natürliche Schiefe liege einzig beim ungeübten Reiter oder beim unpassenden Sattel bzw. man müsse nur die vorhandenen Blockaden reduzieren, dann sei das Pferd auch nicht mehr schief. Tatsache ist jedoch, dass weder das Lösen von Blockaden noch der auf die Schiefe des Pferdes angepasste Masssattel geschweige denn die weit verbreiteten Sitzschulungen, die auf ebendiesen schiefen Pferden abgehalten werden, die Probleme des Pferdes auch nur ansatzweise ganzheitlich und dauerhaft lösen. Umgekehrt sind Sitzschulungen auf Pferden, die gut in der Balance stehen, jedoch essenziell, damit die Reiterin bzw. der Reiter das Pferd in seinem schonenden Bewegungsmuster unterstützt, statt es durch Sitzfehler wieder in die Schiefe zu drängen.

Welche Rolle spielen Therapeuten?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die zugegeben etwas ketzerische Frage: «Welche Berechtigung haben Therapeuten in einem ganzheitlichen und langfristigen Ausbildungsansatz überhaupt?» Chiropraktiker, Akupunkteure oder Physiotherapeuten erfüllen durchaus eine sehr wichtige Rolle. Entscheidend dabei ist, zu welchem Zeitpunkt sie zum Einsatz kommen – nämlich dann erst, wenn man durch funktionelles Training so weit zum Kern des Problems, d. h. zum Schwerpunkt, vorgestoßen ist, dass eine deutliche Veränderung physisch und psychisch erkennen lässt, dass die punktuelle und einmalige Behandlung durch einen versierten Therapeuten möglich ist und nachhaltig wirken kann. Dieses Vorgehen stellt sicher, dass man durch das logisch aufgebaute und zielgerichtete Training die Hindernisse aus dem Weg räumt, die den eigentlichen Kern eines Problems verdecken. Fehlbemuskelungen (Kompensationsmuskeln), Verspannungen, belastende Bewegungsmuster (tiefer Rumpf), Steifheiten, Faszienverklebungen usw. werden etwa durch die Schiefen-Therapie®, d. h. die von uns entwickelte geraderichtende Bodenarbeit an der Longe mit dafür geeignetem Kappzaum, positiv beeinflusst, bis sich das Pferd aus der Hankenbeugung heraus athletisch bewegen kann. Dank unserer langjährigen Erfahrung erkennen wir sehr schnell, wenn auf diesem Ausbildungsweg, der vier bis acht Wochen in Anspruch nimmt, Schwierigkeiten auftreten, die durch einen Therapeuten behoben werden sollten.

Zu beachten ist insbesondere, dass Behandlungen grundsätzlich darauf ausgerichtet sind, Strukturen im Pferdekörper zu lösen und zu mobilisieren. Eine solche Mobilisierung muss jedoch zwangsläufig mit einer Stabilisierung – also funktionellem Training – einhergehen, damit die neue Beweglichkeit im Pferd nicht mindestens ebenso große Schäden anrichtet wie die Verspannungen und Blockaden.

War die Therapie erfolgreich und konnte das Pferd an der Longe geradegerichtet werden, wird als nächster Schritt das Reitergewicht hinzugenommen – zunächst an der Longe und schließlich im freien Reiten. Der nächste logische Schritt ist für uns nun eine gezielte und auf das geradegerichtete Pferd angepasste Sitzschulung. Eine Veränderung im Bewegungsablauf des Pferdes sollte nicht mehr auftreten, da Training und Therapie in gemeinsamer und harmonischer Weise den Weg in die Zukunft nachhaltig geebnet haben.

Dieses Vorgehen ist bei allen Pferden gleich, egal ob Jungpferd oder Problempferd.

Therapeutische Behandlungen können niemals die natürliche Schiefe korrigieren oder Ausbildungsfehler kompensieren. Sie allein stellen unter keinen Umständen eine dauerhafte Lösung dar, da sie die Anforderung der Ganzheitlichkeit nicht erfüllen.

Therapeuten im Pferdealltag

Nichtsdestotrotz haben Therapeuten von Pferden auch im Trainings- und Turnieralltag ihre Bedeutung und Berechtigung. Die Aufgabe von Physiotherapeuten oder Chiropraktikern besteht darin – genauso wie im Humanbereich – die Leistungsfähigkeit wiederherzustellen, beispielsweise nach einem intensiven Training oder Turniereinsatz. Sie beschleunigen die Erholung und erhöhen das Wohlbefinden, damit die Pferde schneller wieder zu Höchstform kommen können.

Auch bei den heute hypermobilen modernen Pferden kann es gerade in der Remontenausbildung sinnvoll sein, eine regelmäßige Begleitung durch einen Chiropraktiker oder Physiotherapeuten zu gewährleisten, da diese Pferde aufgrund ihrer enormen Beweglichkeit und körperlichen Instabilität, gepaart mit dem Wachstum, schneller zu Muskelverspannungen oder Blockaden tendieren. Ziel muss aber immer sein, durch zielgerichtetes funktionelles Training einen optimalen Bewegungsablauf (Mobilität) mit der erforderlichen Muskulatur (Stabilität) zu erreichen.

Von Ataxie bis Zungenbeinblockade

Viele Behandler sind in ihrer Wahrnehmung und Herangehensweise vollständig auf das «Problem» fokussiert und es fehlen ihnen der Blick und das Wissen für das große Ganze, das Ganzheitliche – insbesondere für die Ausbildung des Reitpferdes. So werden bei der Befundung immer wieder vermeintlich klare Aussagen gemacht, die bei genauerer Betrachtung aber nur auf Symptome von Ausbildungsfehlern hindeuten, nicht jedoch eigentliche Erkrankungen darstellen. Dennoch begründen die Therapeuten den Behandlungsbedarf auf diesen Befundungen, die so zur Symptombekämpfung ohne ganzheitlichen Charakter verkommen.

Ein gutes Beispiel für ein häufiges Behandlungsmissverständnis ist der Hüftschiefstand – ein Begriff aus dem Humanbereich, den es beim Vierbeiner Pferd schlicht nicht gibt, außer es liegt beispielsweise eine unfallbedingte «Behinderung» vor. Was viele Pferdetherapeuten als Hüftschiefstand bezeichnen, ist in Wahrheit schlicht ein Symptom der natürlichen Schiefe, oftmals begleitet von der ebenfalls häufig diagnostizierten Blockade des Iliosakralgelenks (ISG). Beide entstehen durch das belastende Bewegungsmuster, welches das Pferd in der biomechanischen Reaktion des Fluchttiers mit Kompensationsmuskeln aufzufangen versucht. Die Scher- und Zentrifugalkräfte, die aufgrund der nicht korrigierten Händigkeit und Vorderlastigkeit, d.h. der natürlichen Schiefe, auf das Pferd einwirken, belasten das Pferd so lange, bis es dank funktionellen Trainings gelernt hat – und körperlich und geistig dazu in der Lage ist –, biomechanisch als Athlet auf diese Kräfte zu reagieren.

In dieselbe Kategorie fallen auch die Überbauung, die vielfach als Ursache für Blockaden und Muskelschmerzen angeführt wird, sowie Pseudo-Ataxien und die meisten Fälle von vermeintlichem Headshaking oder auch Blockaden an neuralgischen Punkten von ISG bis Zungenbein. All diese Diagnosen sind in der überwiegenden Mehrheit der Fälle eine Folge der nicht korrigierten Schiefe. Wird das Pferd nicht dahingehend ausgebildet, dass es die Händigkeit (horizontale Biegungslinie) und Vorderlastigkeit (vertikale Biegungslinie, die die Dehnungshaltung beinhaltet) dauerhaft in den Griff bekommt, bleiben die Probleme bestehen und können nur mithilfe von Therapeuten immer wieder «überbrückt» werden. Man kann diese Blockaden und Schiefstände jeden Monat lösen und begeistert sein, dass das Pferd dann wieder läuft. Es bleibt jedoch eine Symptombehandlung ohne langfristige Perspektive.

Die gute Nachricht ist – und unser Ausbildungsalltag bestätig uns das täglich aufs Neue –, dass vermeintlich austherapierte und mit schwerwiegenden Diagnosen in den reiterlichen Ruhestand geschickte Pferde innerhalb von wenigen Wochen funktionellem Training mit Schiefen-Therapie® und Anatomisch Richtiges Reiten einen harmonischen Körperbau erhalten können, sich entsprechend dynamischer und gesünder bewegen und auf keine regelmäßige Behandlung mehr angewiesen sind, sofern der Reiter seine Verantwortung für seinen Sport- und Freizeitpartner Pferd wahrnimmt und sein Grundwissen um die Biomechanik des Pferdes ausbaut und im täglichen Training berücksichtigt. So wird jeder Reiter zum Ausbilder und Therapeuten seines eigenen Pferdes und darf stolz darauf sein, die Fortschritte, die Zufriedenheit und die Gesundheit seines Pferdes selbst herbeigeführt zu haben. Und davon profitieren nicht nur vermeintlich kranke Pferde, sondern auch Pferdeathleten, die man nachhaltig gesund und leistungsfähig erhalten möchte.

Text: Gabriele Rachen-Schöneich und Klaus Schöneich