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Über den Rücken

Passion – das Schweizer Pferdemagazin
Passion – das Schweizer Pferdemagazin
03/2020

Viele Reiter sind heute bemüht, mehr über die Bewegungsabläufe des Pferdes zu erfahren. Doch leider wird ihnen oft nicht genügend vermittelt, dass das Pferd von der Urgenetik her ein Fluchttier und von Natur aus händig und dadurch schief ist. Dieses Wissen ist enorm wichtig, denn aus dieser Urgenetik ergeben sich Abläufe im Pferdekörper, die manchmal schwierig einzuordnen sind.

Das Pferd hat als Fluchttier seine ganz eigenen biomechanischen Reaktionen. Da diese bei einer Nutzung des Pferdes als Reittier vielerlei Probleme bezüglich Gesundheit und Verhalten mit sich bringen, drängt sich ein unumgänglicher Prozess auf: Die Umwandlung der biomechanischen Reaktion des Fluchttieres in die biomechanische Reaktion des Athleten. Das ist der eigentliche Sinn der Reitpferdeausbildung! Nur wenn dieser Weg beschritten wird, bleiben die Pferde länger gesund und ihr Leistungspotenzial wird besser ausgeschöpft.

Hypermobil und instabil

Immer wieder hört man, dass Pferde «über den Rücken» gehen sollen. Wenn man bei Reitern und Ausbildern nachfragt, was das denn genau bedeutet, herrscht entweder betretenes Schweigen oder es wird redselig mit leeren Floskeln argumentiert. Tatsache ist: Nur wenn wir unser Pferd über den Rücken reiten, können wir es langfristig gesunderhalten. Dennoch sehen wir heute mehr Pferde, die nicht über den Rücken gehen, als solche, die ihren Rücken wirklich zur Entlastung der Gelenke und tragenden Strukturen einsetzen. Und dies bis ganz oben an der Weltspitze des Reitsports.

Die modernen Pferde nahezu aller Rassen, von den Warmblütern über die iberischen Pferde bis hin zu den Isländern und Quarter Horses, sind heute hypermobil, d. h. überbeweglich, und verfügen gleichzeitig über enorme Schubkraft in der Hinterhand. Diese Pferde begeistern den unwissenden Betrachter als Fohlen und Jungpferde mit ihren ausladenden Bewegungen. Doch Hypermobilität gepaart mit überschäumender Schubkraft sind eine gefährliche Mischung, die im Körper zu Instabilitäten führt, die das Reitpferd über kurz oder lang gesundheitlich stark belasten. Das Pferd ist mit seinen eigenen Bewegungen und der zusätzlichen Belastung durch den Reiter schlicht überfordert und sucht instinktiv nach Strategien, um sich buchstäblich auf den Beinen zu halten. Es verspannt sich, baut Kompensationsmuskulatur auf und wird bald steif im ganzen Körper. Diese verspannte und kompensatorische Muskulatur gibt dem Pferd zwar Halt, verunmöglicht aber eine physiologisch funktionelle Bewegung. Das Pferd wird unwillig, urnittig und bald schon treten die Vorboten von gesundheitlichen Problemen in Erscheinung: Taktunreinheiten, Lahmheiten ohne medizinische Ursache oder auch Stoffwechselprobleme.

Text: Gabriele Rachen-Schöneich und Klaus Schöneich